Gourmets unter sich: unser CS Bernhard Moser trifft Gérard Depardieu
Es gibt gute Weine, schlechte Weine, zu teure Weine, preiswerte Weine, billige Weine. Es gibt gute Weinbücher, schlechte Weinbücher, Werbeflyer in Buchform und und und...
"Bernhard Moser ist Genussmensch und Österreicher..." schreibt Kai Röger von der zitty über unseren Chefsommelier und 1. Referenten. Und weil gerade der Genuss viele unserer Kunden interessiert, gibt es diese Seite.
Dass auch diese frei ist von Werbung und wir diese Seite ebenso unabhängig betreiben wie unsere Weinschule, das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. "Man trifft sich eher mit dem Papst in der Sauna, als mit dem Moser einen Deal zu machen", ein Berliner Weinhändler brachte es auf den Punkt.
Bernhard Moser schreibt hier als unabhängiger Journalist und Kritiker. Seine Meinung deckt sich oft mit der Meinung der Geschäftsführung der Weinschule, aber eben auch nicht immer. Muss sie auch nicht.
Nur Wein und gutes Essen
- Bernhard Moser trifft Gérard Depardieu-
Es gibt nur vage Schätzungen darüber, wieviele Kilo Lebendgewicht da am Besprechungstisch in der Suite im Hotel Concorde saßen. War aber auch nicht wichtig, denn es war kein Treffen der anonymen Kalorienzähler, es war ein Treffen der Vinophilen. Patrice Monmousseau, der Chef des von mir sehr geschätzten Crémanthauses Bouvet-Ladubay, der Schauspieler und Winzer Gérard Depardieu und mittendrin, der aus einem österreichischen Kleindorf ausgewanderte Koch und fassungslose Sommelier... also ich... Nur der liebe Gott weiß, wie ich da hin kam.
Um uns herum hatte sich ein Team bestehend aus einem Kameramann, einer rbb-Redakteurin und einem Tonmann aufgebaut. Die Fragen hatte ich auf kleinen, rosafarbenen Zettelchen notiert, die ich so drapierte, dass sie möglichst von der Kamera nicht abgelichtet werden. Was sollten die Zuschauer denken? Rosafarbene Zettel...
Die Weltpremiere des Schaumweines "Taille Princesse Rosé" fand bereits am Vortag bei einer Pressekonferenz in der Weinhandlung Paasburg in Kreuzberg statt. Den "Taille Princesse" in weiß gibt es schon seit zwei Jahren und ich war begeistert. Schöne Holznote, gute Perlage, schöne Hefetöne. Erinnert an einen sehr guten Champ... ach lassen wir das. Saumur ist Saumur und die Champagne ist die Champagne. Man muss ja nicht immer... Der Rosé bockt noch rum. Auf dem Gaumen mein ich. Die Säure kämpft noch gegen die Dosage, die brauchen wohl noch 1-2 Jahre in der Flasche, bis sie sich endgültig aussehnen. Dann aber erwartet und was Großes.
Die Pressekonferenz war unentspannt. Dutzende Journalisten drängelten sich, als Depardieu mit relevanter Verspätung eintraf. Da bucht man schon mal Linie und dann wird der Flug gecancelt. Egal... das aktuelle Körpergewicht schien vor allem den anwesenden Journalisten aus dem Boulevard wichtiger zu sein, als das, was da im Glas prickelte. Ärgerlich, ich verstehe Depardieu, dass er da öfter mal genervt reagiert. Schade auch, dass da Journalisten saßen, die offensichtlich von der Materie keine Ahnung hatten. So konnte man gleich am nächsten Tag lesen: "Depardieu war hier, um seinen neuen Perlwein zu präsentieren". Perlwein? Ein AOC Saumur? Das ist ja so, als würde Louis Vuitton ein neues Luxustäschchen präsentieren und die Schreiberlinge behaupteten es handle sich um ein Kunstlederimitat. Peinlich... Da muss ich mich gleich ein bisschen fremdschämen.
Ich hielt mich im Hintergrund. Zwar hatte ich mein RadioEins-Aufnahmegerät in der Hand, doch ich hatte ihn ja bald ganz für mich. Wenn auch nur für gut 30 min.
Doch zurück in die Suite: wieder mit relevanter Verspätung traf er schließlich ein. Eine Entourage an Bodyguards, Dolmetscher und weiß Gott noch für Funktionären schlug auf. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass er schimpfte wie ein Rohrspatz. Ich will und werde es nicht wiederholen. Nur so viel: hätte ich Französisch verstanden, hätte es mich bestimmt verunsichert.
Ich wurde Depardieu vorgestellt und was sah ich da plötzlich? Ein Lächeln, ein breites, nettes Grinsen? Es war die Tatsache, dass ich eben kein Journalist sondern Koch und Sommelier bin, die dazu führten, dass sich seine ganze Aura veränderte. Es schien, als erkeimte in ihm plötzlich die Hoffnung, dass es im folgenden Interview wirklich um Wein gehen sollte.
Jetzt mal ganz ehrlich: ich bin kein Cineast. Im Kino bin ich mainstream. Ich schau auch keine Filme im Original um dann zu sagen: "der Film hat unter dem Synchronisieren gelitten". Ich liebe das Astor, weil man da während man einen Film schaut, eine Flasche Leitz-Riesling schlürfen kann (nicht zu laut - wegen der Nachbarn). Asterix hab ich nie gesehen, an Cyrano kann ich mich nur dunkel erinnern. Aber eines weiß ich: ich liebe Depardieus Coteaux du Layon, finde seinen Cabernet Sauvignon schwierig. Das interessiert mich. Wir sprachen über seine 4 Restaurants in Paris, sein Chateau Tigne, seine Fischerei in Norwegen und sein Verhältnis zum Weingutsammler Bernard Magrez.
Ich mag auch die ruhige Art von Patrice Monmousseau, vor allem liebe ich seinen Bouvet-Ladubay Trésor Rosé.
Und nur das waren unsere Themen... eben ein Treffen unter Gourmets.
>>> Interview auf RadioEins
>>> Beitrag im rbb-Fernsehen
Chinaimbiss mal anders
-Kulinarisches Kino mit Tim Raue-
Ab und zu gehe ich Schwimmen. Nicht nur einfach so. Ich habe mir eine Schwimmbrille gekauft, schwimme nur auf abgesperrten Bahnen. Eine Bahn Brust, eine Bahn Kraul. Mit jedem Armschlag tauche ich meinen Kopf unter Wasser, um beim nächsten aufzutauchen und tief einzuatmen. Ich denke das sieht gut aus. Gut... auf der Bahn rechts neben mit überholt mich eine Rentnerin mit Blümchenbadekappe, aber ich denke, es sieht gut aus.
So, wie komme ich jetzt vom dicken Mittdreißiger im Schwimmbecken zu Tim Raue? Ach ja, über Bescheidenheit. Ich kann mir eine teure Badehose kaufen, eine professionelle Schwimmbrille und ganz tief und fest Schnauben: ich werde trotzkem kein Johnny Weissmüller. Jetzt die Frage, die uns wieder zu Raue bringt: wird aus einem deutschen Koch, mit ungeahnten selbstdarstellerischen Fähigkeiten und Ambitionen, ein virtuoser Meister der asiatischen, genauer gesagt der chinesichen und japanischen Küche, nur weil ihm jemand genug Geld in den Allerwärtesten bläst und antike Pferde ins Restaurant stellt?
Vielleicht gibt uns die Berlinale eine Antwort, denn im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Kulinarisches Kino" wird er im Anschluss an den chinesischen Film "TUAN YUAN" ein Dreigängemenü zubereiten.
Vorneweg: ich bin kein Filmkritiker, deshalb werd ich mich dahingehend nicht äußern. Höchstes so, wie viele Laien sich über Wein äußern und sagen: "der ist lecker". Der Film hat mir gefallen.
Spannender fand ich den Essensteil. Raue kocht ohne Kartoffeln, Reis und weißen Zucker. Zeitgemäß. Als Sättigungsbeilage steht eine riesige Schüssel mit frittierten Erdnüssen auf dem Tisch. Wir ahnen noch nicht, wie notwendig die sein wird.
Als wir das Spiegelzelt betreten, steht die Vorspeise schon auf dem Tisch: Dragon chicken in Jade Sauce. Ein wenig trocken, das Hühnerfleisch, angenehme Schärfe. Nicht schlecht. Die Sauce vermutlich aus China importiert (mit etwas Glutamatalarm) und ich denke, nicht selbst gemacht. Egal, der dazuservierte Wehlener Sonnenuhr Riesling Kabinett von Prüm an der Mosel passte gut dazu.
Der Hauptgang jedoch zauberte uns ein müdes Lächeln auf die Lippen. Eigentlich muss man Hauptgang apostrophieren, also "Hauptgang", denn was daherkam war ein amuse bouche, maximal eine Vorspeise: "Buddha Jumps Over The Wall" (wahrscheinlich weil dahinter eine ordentliche Portion von irgendwas stand), eine traditionelle Suppe gekocht aus Seegurke (oh, Zauber, Zauber), Huhn, Spanferkel, Jakobsmuschel, Bambus, Ingwer, Ginseng und und und und.... viele Zutaten, die aber alle gar nicht Platz haben konnten in dem kleinen Schälchen. Die Zugriffsfrequenz auf das Nussschälchen wird höher. Sättigungspanik bricht aus. Die Suppe: nichtssagend. Wieder relativ scharf, die Konsistenzen teilweise eklig-wabbelig (vor allem die des Spanferkels). Doch bin in kein Kenner der chinesischen Küche. Gott sei Dank fragt der Moderator des anschließenden Talks die Gesprächsgäste, wie sie denn die Suppe fanden. Was da so kam, da tat Raue sogar mir leid. Regisseur des Films Wang Quan'an sprach von deutscher Hochkultur, der Erfindung der klassischen Musik, Mercedes Benz, aber Buddha sollte hier maximal über die Berliner Mauer springen. Die Autorin eines chinesischen Kochbuches sprach gar "vom freundlichen Versuch diese Suppe nachzukochen".
Beim Dessert hat es sich Raue auch leicht gemacht: Mango Tapioka, Minze und Cassis. Alles schon fertig im Kühlhaus, nur noch raus, sozusagen. Auch der abschließende Gang konnte die Sache also nicht retten.
Jetzt könnte man zur Ehrenrettung sagen: na ja, hat ja nur 49 EUR gekostet. 8 für den Film, 41 für's Essen. Doch da isst man im Chinaimbiss ehrlicher. Und sogar NOCH billiger.
Und als Koch muss ich sagen: Raue hat kein Können bewiesen. Mariniertes Hühnchen auf den Tisch zu stellen, als Hauptgang ein Schöpfgericht zu servieren und das Dessert schnell aus dem Kühlhaus zu holen, das ist echt armselig. Das hätte er sich mal im Witzigmann Palazzo anschauen können, wie das echte Köche machen.
Man kann ja über Kochshows sagen was man will und denkt, aber sie führen dazu, dass wir augeklärte und kritische Gäste haben. Die merken (sich) das!
Für Sie getestet
- "Le Gavroche" im P'berg -
Gavroche ist einerseits der kleine Straßenjunge aus "les Misérables", andererseits ein Londoner Spitzenrestaurant (dekoriert mit zwei Michelinsternen) und jetzt auch noch ein Szenefranzose im kulinarisch wenig verwöhnten Prenzlauer Berg.
Wie alle Restaurants im Kiez bietet auch das Le Gavroche einen Sonntagsbrunch an. Der Preis fällt jedoch mit 12,50 EUR pro Person deutlich aus dem Rahmen, bei den meisten Gastronomen ist bei 9,90 EUR die Schmerzgrenze erreicht. Doch auf "Schmerzgrenzen" scheinen die Betreiber des Le Gavroche ohnehin keine Rücksicht zu nehmen. Inmitten des Gastraums ist ein Crêpestand aufgebaut, im Preis enthalten sind weiters ein Kaffee und ein Glas frisch gepresster Orangensaft. Das lässt den Preis erstmal vergessen. Wer jetzt aber bei Frankreich an wunderbaren Rohmilchkäse und luftgetrockneten Schinken denkt, der wird hier keine Heimat finden. Stattdessen liegen Zervelatwurst neben Käse, den es so auch in jedem Diskounter gäbe. Der Lachs ist dick geschnitten und vegetiert gelangweilt und ungekühlt neben dem fad schmeckenden Meerrettich. Die Salate auf dem Buffet sind in Ordnung, auch wenn man sich einen klassischen Nudelsalat ohne weiters auch mal schnell selber zusammenrühren kann. Lediglich die Croissants falles aus dem Rahmen und erinnern mich daran, wie hoch eigentlich Frankreichs Anspruch an Lebensmittelqualität ist.
Das freundliche Personal stimmt milde, was man angesichts der Küchenleistung auch dringend nötig hat. Für Crêpes und Galettes (gefüllter bretonischer Pfannkuchen) erhält man Lebensmittelmarken. Anscheinend hat man Angst, dass ein Gast einen Pfannkuchen zu viel holen könnte, was ich angesichts der enormen Ei-, Milch- und vor allem der seit dem Bäckerembargo horrend angestiegenen Weizenmehlpreise, auch gut verstehen kann.
Die Großzügigkeit, die man vom Gast erwartet, wird nicht erwidert. Das wird spätestens klar, wenn man die Rechnung bekommt. Wir trinken Cappuccino und Milchkaffee, beides fällt nicht unter das Angebot "inklusive einer Tasse Kaffee" und muss somit voll bezahlt werden. Hier wird aus "für eine Handvoll Dollar" ein "für eine Pfütze Milchschaum". Na, wenn's der Bilanz hilft...
Auch der frisch gepresste Orangensaft entpuppt sich als dünne Brühe, aufgefüllt mit Eiswürfeln.
Insgesamt ein ärgerliches Bruncherlebnis, das man nicht wiederholen möchte. Es bleibt und bestätigt sich die Erkenntnis, dass man kulinarisch besser in Kreuzberg oder Charlottenburg lebt.
Oderbergerstraße 22, 10435 Prenzlauer Berg www.le-gavroche.de
On the road mit 50 Gramm
- Spitzenkaffee aus dem Katzenklo-
Früher hätte es mich ganz schön gewundert, wenn jemand Katzenkot durchsucht hätte, um einzelne Teile daraus zu rösten und anschließend mit heißem Wasser aufzubrühen. Doch jetzt gibt es Kopi Luwak. Der indonesische Fleckenmusang liebt es, Kaffeekirschen zu essen, kann allerdings nur das Fruchtfleisch verdauen, während die Bohne wieder ausgeschieden wird. Im Verdauungstrakt dieser Schleichkatzenart erfährt diese Kaffeebohne eine Nassfermentation, die den daraus gewonnen Kaffee deutlich weicher und runder schmecken lässt. Ein großer Teil der Säure und Bitterstoffe wird durch Enzyme einfach abgebaut.
Der Kopi Luwak ist ausgesprochen selten. Jährlich werden nur 200 - 400 kg produziert, sofern man den Kaffee aus unmenschlicher Zuchthaltung nicht dazu zählt.
Über Umwege kam ich zu 50 g der diesjährigen Produktion. Da muss man sich genau überlegen, was man damit macht, denn das reicht grad mal für 10 Tässchen. Die ersten drei Tassen brühte ich für meine RadioEins-Rubrik "Mosers Geschmackssachen" auf. Ich war begeistert. Der Kaffee schmeckte sehr weich. Ich wollte aber auch diesmal nicht drauf verzichten, eine kleine Prise Zucker und einen kleinen Schluck Obers dazu zu geben. Wunderbar. Vor allem der Abgang begeisterte mich. Keine Spur von Bitterkeit. Die bezaubernde Anja Görz, Radiomoderatorin und leidende Verkostungsbegleiterin, war nicht ganz so begeistert. Zu dünn meinte sie, was aber daran lag, dass ich zur Zubereitung grad mal ein Lied lang Zeit hatte. So ist das bei den Medien. Tatsächlich war die Probe besser, nachdem der Kaffee mehr Zeit hatte durchzuziehen.
Weitere zwei Tassen genoss ich mit meinem guten Freund und Lieblingskoch Stefan Hartmann, vom Restaurant Hartmanns. Auch er war positiv überrascht von dieser ekligen Sch... wie er es nannte und nahm einen deutlichen Olivengeschmack im Abgang wahr. Stimmt. Feiner Gaumen. Eine ebenso anwesende Freundin unterstellte uns, wir würden uns auch jede Sch... schönreden. Zur Strafe durfte sie nicht probieren.
So, fünf Gramm hab ich noch... mal sehen, was damit passiert. Lang hab ich nicht Zeit, denn das Aroma, der Duft ist flüchtig. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wo es herkommt.
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Trollinger auf der Rollbahn
- was soll das denn? -
Was lesen meine wunden Montagsaugen da in der Berliner Zeitung? Anlässlich der Weinmesse "Baden-Württemberg Classics" in Berlin äußerte da einer einen besonders hohlen Vorschlag. Dass man die kerosinversäuchten Flächen des Flughafens Tempelhof als Weinfläche benutzen könnte, darüber könnte man ja noch nachdenken, dass der Schwäbische Verbandschef Hohl gleich einen schwachsinnigen Rebsortenvorschlag mitliefert, das schlägt dem Fass den Boden unter den Füßen weg (sagt man doch so oder?). Trollinger soll es sein, denn der wäre leicht und fruchtig und das passe gut zu Berlin. Wie bitte? Woher will der denn wissen, was zu Berlin passt? Arm und sexy sind wir ja vielleicht - aber fruchtig und leicht? Den schick ich mal abends durch's Märkische Viertel.
Lieber Herr Hohl, liebe schwäbische Winzer: behaltet doch Euren Trollinger für Euch. Ebenso Eure Rebsortentipps. Und ganz besonders Eure Einschätzungen, was denn zu Berlin passt.
Neulich am P'berg
- wo ist denn nur Barrique?-
Ich mag den Prenzlauer Berg. Im Winter tragen alle Pudelmützen, im Sommer Flip-Flops. Und in 20 Jahren, wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann ist der Prenzlauerberg ein zweites Charlottenburg.
Auch der Weinfachhandel hat diesen Stadtteil für sich entdeckt. Weinladen Schmidt und Jacques' Weindepot haben sich angesiedelt und bringen die etablierten etwas in Bedrängnis. Als eher etabliert, zumindest wenn man den Faktor Zeit heranzieht, ist der Wein- und Spirituosenhändler an der Kollwitzstraße, Ecke Sredzkistraße eben hier ereignete sich folgender Dialog:
Ich entdeckte eine Flasche Rully. Hierbei handelt es sich um ein kleines Dorf im Burgund, das vorzugsweise Chardonnay in Barriquefässer füllt und für verhältnishäßig kleines Geld in den Handel bringt. Verhältnismäßig zumindest im Vergleich zu den anderen Dörfern des Burgund. Ich nahm also die Flasche und ging zu dem etwa 60jährigen Händler. Um sicher zu gehen fragte ich:
Ich: "Entschuldigen Sie bitte, ich bin nicht ganz sicher, kommt der Wein aus dem Barrique?
Der Händler nimmt die Flasche und dreht sie. Er liest andächtig und verunsichert das Rückenetikett und antwortet: "Nein, aus Frankreich".
Ich wollte ihm noch eine Chance geben und meinte: "Nein, Sie haben mich missverstanden. Ich wolte wissen, ob der Wein aus dem Barriquefass kommt".
Der Mann sah mich an, als hätte ich eine Vollmeise und antworte: "Ja, ja, Wein wird im Fass gemacht."
Ich gebe zu, langsam verlor ich die Geduld: "Ja, ich weiß schon, dass Wein im Fass hergestellt wird. Ich will wissen, ob er im Barriquefass hergestellt wird. Das ist ein Spezialfass aus Eichenholz".
Kopfschüttelnd wandte sich der Wein"fach"verkäufer ab und meinte: "Spezialfass - na alles können wir ja nun auch nicht wissen."
---Gastronews---
Hartmann und Canis
Zwei richtig gute Nachrichten läuten den diesjährigen gastronomischen Herbst ein. Gott sei Dank, der Sommer war langweilig genug.
Stefan Hartmann räumt wieder mal gewaltig ab. Im letzten Jahr holte er sich den Titel "Aufsteiger des Jahres", in diesem wird er gar zum "Berliner Meisterkoch 2008" gekürt. Völlig zu Recht wie wir finden, und wir gratulieren recht herzlich zu dieser Auszeichnung. Auch wenn es dadurch noch schwieriger wird, einen Tisch zu bekommen.
Mit der Eröffnung des Restaurants "die Spindel" in Friedrichshagen kehrt Hendrick Canis der Michelinsternegastronomie den Rücken. In sehr entspannter, gediegen-rustikaler Atmosphäre wird anständige Landküche serviert. Dass Canis eine Top-Weinkarte hat, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Denn nichts anderes haben wir erwartet. Hendrik: Alles Gute!!!
Mein Tipp für Genießer
- c(r)ook oder "Basta. Rotwein oder Totsein"-
Wir waren in kleiner Runde im Hartmanns. Unter anderem dabei, der Regisseur Pepe Danquart, der 1994 den Oskar für den besten Kurzfilm bekam. Der Titel: "Schwarzfahrer"
Stefan Hartmann lenkte das Gespräch auf den Film c(r)ook und schwärmte, dass die Küchenszenen endlich mal realistisch gedreht wären. Nicht so wie bei anderen Filmen, wo bei vollem Restaurant drei gelangweilte Köchleins im Säucechen rühren, die Kochjacke unbefleckt weiß.
Neugierig besorgte ich mir den Film gleich auf Amazon. Gestern war es so weit, ich legte die Scheibe in den DVD-Player und der Film sog mich sofort in sich auf. Eine großartige Gangsterkomödie im Stile von Snatch mit ebenso toller Kameraführung. Fulminant aber tatsächlich die Küchenszenen, die der Spitzen- und ARD-Fernsehkoch Vincent Klink zu verantworten hat. Kein Fooddesign, einfach nur tolles Handwerk.
C(r)ook ist eine österreichisch-deutsche Koproduktion und war dort ein absoluter Kassenschlager. Die Besetzungsliste beeindruckt: Henry Hübchen, Moritz Bleibtreu, Roland Düringer, Josef Hader uvm. Regie wie gesagt Pepe Danquart. www.crook.at
erhältlich bei
Neulich in der Metro
- Katze gegen Halterin -
Dass meinen Seminarteilnehmern mulmig wird, wenn ich von Weinen jenseits der 8 EUR Grenze spreche, dass ihnen schlecht wird, wenn es über die 15 EUR geht und dass ich auf völliges Unverständnis stoße, wenn Weine dann mal über 100 EUR kosten, das bin ich schon gewohnt. Wie weit die Sparwut meiner Mitmenschen geht, um das zu erfahren, muss ich immer mal wieder ins tägliche Leben raus. Dabei ist der Spruch "ich hätte gern einen richtig guten Wein für drei Euro", noch eher harmlos. Gewundert hat mich in dem Fall eher, wie souverän der Kaufhof-Verkäufer auf diese dämliche Anforderung reagiert hat.
Aus den Latschen kippte ich neulich in der Metro. Ich bin ein "in den Korb Gucker". Oder eben auf das Laufband an der Kasse. Das geht so weit, dass ich mir von Gastronomen, die besonders hochwertig und frisch einkaufen, gerne auch mal die Karte geben lasse, um sie gelegentlich zu besuchen.
Vor mir war eine Frau. Sie legte ihre Waren auf das Band, die Verkäuferin zog geduldig alles über den Scanner. Sofort fielen mir zwei kleine Fläschchen Katzenmilch auf. Den Preis verriet mir die Digitalanzeige der Kasse. 0,98 EUR für 0,25 Liter Katzenmilch. Großartig! Fast vier Euro für einen Liter! Es folgte eine Flasche Vinho Verde... der Preis für den Wein: 0,79 EUR, also gut 1 EUR für einen Liter. Ist das nicht grotesk? Nichts gegen Katzen. Ich mag Katzen. Nicht so wie ein grausamer Bekannter. Der mochte Katzen nur, wenn auf deren Fell das Muster eines Semperitreifens war. Wie gesagt, ich mag Katzen. Doch dass ich für des Mietzekätchens Getränk das vierfache ausgeb', wie für meinen Wein? Niemals... oder lieg ich da so falsch?
-Für Sie getestet-
Restaurant Alpenstück
Ich mag kleine Speisekarten. Zum einen fällt mir dann die Entscheidung leichter, zum anderen glaube ich dann dem Koch die Frische der Zutaten. Stilistisch finde ich es allerdings nicht so toll, wenn die Karte auf einem einfachen, selbst ausgedruckten DIN A4 Zettel steht. Vor allem nicht in der Preislage.
Ich muss gestehen: ich bin hin und her gerissen. Der Service war bei uns gut. Die Dame war ausgesprochen freundlich, wenn auch nicht so wahnsinnig flott. Es lag aber weniger an ihr, mehr an dem völlig überbuchten Restaurant. Sie stemmte sich tapfer gegen die Gästeflut.
Leider schoss Sie sich beim Kassieren völlig ins Aus. Einer aus unserer Runde trank offenen Rotwein. Leider moussierte dieser, ein eindeutiger Weinfehler, der auch umgehend reklamiert wurde. Trotzdem sollte der Wein bezahlt werden. Wirklich unglaublich. Als wir protestierten, meinte die Kellnerin, dass es ja wohl Geschmachssache wäre, ob das ein Fehler sei oder nicht. Manche würden das ja mögen. Na ja, es gibt ja auch Menschen, die machen Eigenharntherapien, stehen vielleicht sogar drauf. Trotzdem möchte ich nicht... ach lassen wir das.
Angesichts der Qualität des Essens fand ich die Preise völlig in Ordnung. Ein Wiener Schnitzel mit Kartoffelsatat für 17,50 EUR scheint zwar auf den ersten Blick viel, doch offensichtlich wird wirklich allerbestes Fleisch vom Linumer Wiesenkalb verwendet. Es war butterzart. Außerdem hat das Schnitzel einen recht dominanten Butterschmalzgeschmack, der auch verrät, dass es kein Bad in der Friteuse nimmt.
Aber dass ein Gulasch wirklich 17,50 EUR kosten muss, das erschließt sich mir nicht. Ich hab letztens eines für ca. 15 Personen gekocht. Mit den besten Zutaten und das kam auf einen Wareneinsatz von ca. 20,00 EUR. Da ist wohl der Kalkulationsstift verrutscht.
Köstlich auch die gebratene Gänsekeule. Dazu hausgemachtes Apfelrotkraut mit reichlich Maronen und ein großartiges Kartoffel-Sellerie-Pürèe. Die 18,50 EUR völlig gerechtfertigt.
Ärgerlich die Getränkepreise. 0,3 Liter Apfelschorle 3 EUR, 0,5 Liter Weizenbier 3,50 EUR. Wer kalkuliert diesen Schwachsinn?
Was gar nicht ging, war die Reservierung. Wir bestellten einen 8er Tisch im Nichtraucherbereich. Uns begleiteten zwei schwangere Frauen. Tatsächlich bekamen wir den Tisch genau vor der Bar. Hier wurde nicht nur rundherum geraucht, es kamen sogar noch Raucher von den anderen Tischen, die es sich an der Bar gaben. Wirklich ärgerlich.
Die Atmosphäre spottet jeder Kritik. Hier wurde versucht das Schneeweiß zu kopieren, nur noch schlechter eingerichtet. Man hat die Akustik einer Bahnhofshalle. Die Kellnerin muss man anschreien, weil sie einen sonst nicht versteht. Das ganze Lokal ist vollgestopft mit Tischen, alles ist weiß und kahl. Die Holzstapelwand versucht wohl etwas alpenländische Gemütlichkeit zu immitieren. Ohne Erfolg.
Insgesamt also kein Lokal in das ich bald wieder gehen werde. Schade, denn das Essen war wirklich gut. Vielleicht bestell ich das nächste Mal telefonisch, hol mir meine Gerichte ab und rase heim in mein schönes Esszimmer... ich denk mal drüber nach.
Restaurant Alpenstück, Gartenstraße 9, 10115 Berlin www.alpenstueck.de
-Wir gratulieren-
Weinbar Rutz erhält 1. Stern
Eine wunderbare Nachricht wurde mir gestern ins Ohr geflüstert. Das Team der Rutz Weinbar rund um Küchenchef Marco Müller und Sommelier Hendrik Canis werden in der neuen Ausgabe des Michelin Guides mit einem Stern geadelt. Da das Rutz seit vielen Jahren zu meinen Lieblingadressen zählt, gratuliere ich allerherzlichst. Diese Nachricht ist für gerade deshalb so erfreulich, da der Michelin endlich Restaurants würdigt, die nicht nur steif und barock mit gestärkten Hemden und den Worten "wenn die Herrschaften mich zum Tisch geleiteten", agieren.
Berlin hat auch endlich ein Restaurant mit 2 Sternen. Christian Lohse vom "Fischers Fritz" darf sich über diese Auszeichnung freuen.
Ich bin sehr gespannt, was der Gault Millau über das Hartmanns zu berichten weiß.
-Für Sie getestet-
Restaurant Hartmanns
Erst einmal hat es fast zwei Monate gedauert, bis ich endlich mal einen Tisch bekam. Es war ein grandioser Senkrechtstart, den Stefan Hartmann mit seinem Lokal da hingelegt hat. Seine bisherige Vita liest sich vielversprechend: Ausbildung im Le Canard bei Josef Viehauser in Hamburg, Souschef bei Kolja Kleeberg im VAU, Küchenchef im Jolesch in Kreuzberg.
Zwischendurch noch Stationen in der Karibik und in Los Angeles. Gott sei Dank, dass er zurückgekommen ist und uns das Hartmanns beschert hat.
Am besten man setzt sich einfach hin und sagt: "bitte 4 Gänge (oder 5 oder 3), wir lassen uns überraschen". Das ganze Programm am besten mit Weinbegleitung.
Es ging los mit einer großartigen Jakobsmuschel auf Thunfischcarpaccio, weiter mit einer Dorade auf Oktopus-Risotto (einfach nur wow: Haut knusprich, Fisch saftig, Risotto auf dem Punkt). Es folgte Kaninchenschinken mit Steinpilzen. Auch wenn ich mir gerade darunter nichts vorstellen konnte (ein soooo großes Schinkestück hat so ein Hoppelhäschen ja nicht), es war richtig gut. Eher eine Terrine aus vielen Kaninchenschinken.
Das Hauptgericht bildete ein Rinderfilet mit gebratener Entenleber auf Rahmspinat mit Portweinschalotten. Was soll man sagen: einfach nur großartig. Hartmann ist wohl ein Meister im Erwischen des richtigen Garpunktes.
Zum Dessert gab ein eine kurze Diskussion. Ich hätte zum Schokoladensoufflé mit karamelisierten Bananen und Bananeneis gern einen schönen PX gehabt, der Sommelier empfahl aber einen Portwein. "Was tun" sprach Zeus, wir nahmen beides und machten einen kleinen Wettbewerb draus. Ich gewann. Generell waren die Weine top ausgewählt. Moselriesling, Pouilly Fuissé, Zweigelt von Gsellmann. Wunderbar!
Inklusive Wein, Wasser, Espresso etc. landeten wir bei 160 EUR für 2 Personen. Und keinen Cent muss man bereuen. Topadresse in Berlin.
-Für Sie getestet-
Restaurant "die Traube"
Von dieser Neueröffnung erfuhr ich über www.qype.de. Der Inhaber des "Paris-Moskau" hat einen 2. Betrieb eröffnet, da muss ich hin!
Vielleicht mal vorneweg das Positive: die Getränkepreise sind extrem fair kalkuliert. Vor allem die Weine bekommt man für verhältnismäßig kleines Geld. In diesem Punkt wirklich: Hut ab!
Zum Service: Hier erlebten wir leider eine Serie nicht enden wollender Pannen. Dass man mit dem falschen Menü startete, war dabei noch die liebenswerteste aller "Missgeschicke". Das bescherte uns sogar noch ein Gericht auf Kosten des Hauses. Die junge Dame die uns bediente war sichtlich überfordert. Mal gab es kein Besteck mehr, mal fehlte die Weinbegleitung zum Menü. Ständig mussten wir uns Dinge erbetteln, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Die Weinbegleitung kann ich nicht empfehlen. Einzig der Rheingau Riesling von Prinz von Preußen konnte überzeugen, auch wenn es stilistisch fraglich ist, ob man mit der Literflasche an den Tisch kommt, oder ob diese lieber im backoffice verbleiben sollte. Die beiden schweizerischen Vertreter konnten keinesfalls zeigen, was diese aufstrebende Region zu bieten hat. Der Johannisberger war plump und "bananig". Die Rotweincuvée mehrheitlich bestehend aus Dornfelder (Platz 1 meiner Liste "Rebsorten die die Welt nicht braucht") war auf Kneipentemperatur und wirkte dadurch alkoholisch und eindimensional. Der zum Dessert gereichte Muscat (wenn ich mich richtig erinnere ein Muscat de Beaumes de Venise) war angesichts der Konkurrenz aus Deutschland, Österreich und Übersee chancenlos. Betonen möchte ich noch, dass der Servieleiter und Sommelier Hendrik Aufderheide an diesem Abend nicht da war. Wahrscheinlich sind dieser Tatsache viele der Fehler geschuldet.
Zum Essen: Begeistern konnte uns das Amuse bouche. Die Pfifferlinge in der gerollten Crepes waren toll. Hingestellt wurde es mit den Worten: "hier ein kleiner Gruß aus der Küche". Was es war, mussten wir mühsam erfragen und erschmecken, da die junge Dame zu keiner kompetenten Aussage in der Lage war. Kann der Beruf so wirklich Spaß machen?
Da das Menü erst falsch geliefert wurde starteten wir mit einen Seesaibling. Das Gericht war nichts besonderes. Allerhöchstens anständig gemacht. Farbe und Geschmack erinnerten eher an einen gebeizten Lachs. Seesaibling habe ich irgendwie eleganter in Erinnerung. Dazu gab es ein Rösti. Also nichts Neues...
Die Flusskrebse im Rieslinggelée auf Dillgurken waren gut. Der dazuservierte Rucola bildete einen tollen Kontrast!
Der Loup de Mer auf Petersilien-Perlgraupen war handwerklich gut gemacht, konnte aber auch nicht begeistern. Es fehlte die Idee. Die Haut des Fisches hätte ich mir etwas knuspriger gewünscht.
Richtig schön war das geschmorte Ochsenbäckchen, das wunderbar vom dazuservierten Wirsing passte. Die Schupfnudeln bildeten eine schöne, klassische Ergänzung. Leider wird das "geschmorte Ochsenbäckchen" an sich im Moment etwas überstrapaziert. Es scheint DAS Trendgericht 2007 zu sein. Einen enttäsuchenden Abschluss bildete das Dessert. Die Schokoladentarte war mächtig und schwer. Das Grandmarniereis konnte da nicht mithalten. Das Mundgefühl war schwer, fettig und unangenehm. Der Muscat wirkte in Verbindung mit dem Eis bitter. Ein wirklich schwacher Abschluss. Schade!Insgesamt bezahlten wir zu zweit 180,00 EUR. Das war der Abend leider nicht wert. Gerade angesichts der hochmotivierten Konkurrenz in Kreuzberg wird das nicht reichen. Oder hatten wir einfach nur Pech? Oder sind es Anfangsschwierigkeiten? Ich weiß es nicht und eigentlich ist es mir auch egal. Das muss mich als Gast nicht beschäftigen.
Nachtrag: Mein Freund und RadioEins Tester Johannes Paetzold war begeistert und hatte im Rahmen seiner Recherchen für einen Radiobeitrag einen richtig tollen Abend. Auf jeden Fall werde ich nachtesten und berichten.
Restaurant "die Traube", Reinhardtstraße 33, 10117 Berlin. Tel.: 030 27 87 93 93 (wenn Sie da waren, bitte Berichte an info(at)weinschule-berlin.de)
-Tour durch Berlin -
Gastronomiefrust?
Als Wahlberliner erlebt man die Stadt erst so richtig, wenn man Besuch hat. In meinem Fall war es mein langjähriger Freund und ehemaliger Chef Michael Berling, ein in München lebender Koch aus der Schmiede Witzigmanns und Jörg Wörthers. Und wenn sich zwei geschulte Gaumen aufmachen, dann soll es was zu schmecken geben.
Weil wir nicht einfach irgendwo hin gehen wollten um zu essen, fassen wir einen Beschluss. Am Karfreitag wagen wir vier Gänge in vier verschiedenen Restaurants.
Den ersten Gang nehmen wir im MAOA (Modern Art of Asia) am Leipziger Platz. Der riesengroße Foodmarket lädt ein zur "all you can eat Völlerei" für - ich glaube - 19,90 EUR. Das Ambiente ist modern und hochwertig, die Tische aber keinesfalls nach Yin und Yan und dem Fluss irgendwelcher Energien ausgerichtet. Wir beziehen einen Platz am Gang und fühlen uns nicht sehr wohl. Michael bestellt einen Thai-Auberginensalat mit Duftreis, ich die Yaki Torii Spieße für 7,00 bzw. 8,30 EUR. Dazu gibt es für mich einen US-amerikanischen Gewurztraminer aus Washington.
Generell muss man sagen, dass die Weinkarte beeindruckend ist. Und das allerbeste: alle Weine werden auch glausweise ausgeschänkt.
Doch zurück zum Essen... wir warten... zu lange, aber dann ist es doch endlich so weit. Hoppala! Die Spieße aus Hühnerfleisch kenn ich. Die gibt es als Fertigprodukt (Convenience). Schade, doch die Erdnusssauce mit Chili ist gut. Michael hat weniger Glück. Sein Salat besteht aus heißem Reis mit Aubergingen, etwas Curry und Koriander. Nicht empfehlenswert.
Ich denke, wenn man ins Maoa geht, dann sollte man das hungrig tun und den Foodmarket nutzen. Man sucht sich vom Buffet alles zusammen, gibt es dem Koch, der das gart und vom sehr zuvorkommenden Personal zum Tisch bringen lässt. Ach ja. Personal. Der Service war sehr freundlich. Was aber nicht passt, ist der Versuch besonders vornehm zu sein. Kennen Sie diese "Spitzenhotelfreundlichkeit"? Ich will in einem Großrestaurant mit Garküche kein "wenn mir die Herrschaften folgen möchten" hören. Leute, wir sind in Berlin. Nehmt den Stock aus dem A....
Theoretisch wollten wir weiter ins VAU zu Kolja Kleeberg. Doch komischweise warteten die nicht auf uns - war alles ausreserviert.
Also, ab in den smart und weiter ins REMAKE. Ich war der nicht mehr ganz so aktuellen Annahme, dass dort die Molekularküche frei nach Ferran Adriá umgesetzt wird. Doch das ist schon mehr als eineinhalb Jahre her. Wir werden von einem Restaurantleiter begrüßt. Österreichischer Akzent, das gibt einen Sympathiebonus. Mir wird mein Schal abgenommen. Seine abgewetzte Jeans, die Turnschuhe und das heraushängende Hemd verraten uns, dass es hier unkonventionell zugeht. Auch hier fiel der Service rundherum positiv auf. Wir bestellten einen Riesling unplugged von Tesch. Die ausgeprägten Sekundär- und Tertiäraromen spalten unseren 2er Tisch ein zwei Lager. Aus der übersichtlichen Karte bestellte ich einen Wildkräutersalat mit Hummer und Michael gegrillte Jakobsmuscheln mit irgendwas auf irgendwie. Egal. Denn zwei Minuten später kam der Kellner und teilte Michael mit, dass die Jakobsmuscheln verdorben wären und der Koch sie deshalb nicht mehr zubereiten könne. Ein einfaches "die Muscheln sind aus" wäre wohl vertrauenserweckender gewesen. Aus waren auch meine Wildkräuter, sie wurden durch Ruccolasalat ersetzt. Der Hummer war ungenießbar. Zäh und fasrig lag er mickrig auf dem Teller. Ich probierte ein Mal und aß lediglich den Salat. Weil der halbe Hummerschwanz so klein war, bemerkte der Kellner beim Abräumen nicht einmal, dass er fast unberührt war. Also musste ich seine Frage ob's denn geschmäckt hätte ganz ehrlich beantworten. Michaels Ersatzgericht, der Spargel mit Iberico Schinken war nicht wesentlich besser, er wurde aber gar nicht mehr gefragt. Zu schmerzhaft war wohl meine Kritik. Der Restaurantleiter kam und entschuldigte sich. Nahm das Gericht sofort von der Rechnung. Danach kam noch der Koch zum Rapport. Mit zwei winzigen Stückchen Walnussbrownies mit Mangosauce auf einem gebogenen Löffel. Selbst die waren wenig schmackhaft und uninteressant, aber die Geste war nett. Küche nicht genügend, umso professioneller und vielleicht erfahrener sind die Leute im Reklamationsmanagement.
Wir holten also wieder meinen Schal und machten uns auf den Weg zu Sarah Wiener's Speisezimmer in einem 2. Hinterhof in der Chaussestraße. Die Servicedame bekommt wieder spontan 98 von 100 Punkten. Ausgesprochen nett, höflich und aufmerksam. Der Zweigelt von Heinrich ist leider auf Kneipentemperatur. Dadurch wirkt er sehr alkoholisch. Als Sommelier stellt es mir da die Nackenhaare auf. Michaels Bärlauchrisotto ist eine echte Enttäuschung. Es erinnert an Milchreis mit Barlauch. Mein Filtet vom Kräuterschwein bestellte ich eher englisch, es kam aber eher durch, wofür sich die Servicedame auch schon beim Hinstellen entschuldigte. Da es in einem Brotmantel serviert wurde, verstand ich die Schwierigkeit des Erwischens des richtigen Garpunktes und entschuldigte. Da ich hungrig war, mochte ich den sehr rustikalen Charakter des Gerichtes. Die Morchelsauce hing schwer am Fleisch, das Kartoffelgratin war Standard. Um richtig gut von Sarah Wiener bekocht zu werden, muss man sich wahrscheinlich ins Kernerstudio setzen oder in Frankreich am Wegesrand lagern, um ihr aufzulauern. Man trifft sie wohl überall, nur nicht in ihren Restaurants?
Unsere Expedition beenden wir in der Rutz Weinbar in der Chaussestraße. Für mich gibt es mit Rosmarinsabajon gratinierte Weintrauben, dazu Ziegenkäseeis und Sherryschaum. Michael hat ein kleines Stück Schokokuchen, mit einem Maracujafruchtspiegel und noch allerlei Chi-Chi. Als er eine Riesling Auslese dazu bestellt, kommt der Sommelier Jürgen Hammer ganz aufgeregt, um diese Wahl zu reklamieren. Zu Recht und zum Glück hört Michael wenigstens auf ihn. Er bestellte einen Pedro Ximinez und ich eine Beerenauslese von Josef Umathum aus dem Burgenland. Die gratinierten Weintrauben sind das beste, das ich seit langem gegessen habe. Ich könnte mich reinlegen. Das Ziegenkäseeis funktioniert nur mit den Weintrauben in Kombination. Das Serviceteam rund um Jürgen Hammer ist großartig. Die Rutz Weinbar ist und bleibt eine der besten Adressen in Berlin. Sie sind unkonventionell, kommen ohne Platzteller und schwarzen Fliegen um den Hals aus und die Küche ist sehr gut (wenn auch immer einen Tick zu wenig "keep it clear"). Man fühlt sich einfach rund herum wohl. Toll auch immer wieder das Käsebrett im Rutz, von dem auch wir noch etwas naschen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es insgesamt doch eher schwierig ist, in Berlin neues auszuprobieren. Wir würden uns doch mehr Lokale wie das Rutz wünschen. Das VAU, Fischers Fritz, Borchardt's alles großartige Lokale. Aber kann man tolles Essen nicht auch ohne diesen ganzen Zirkus drumherum haben? Ohne dass man von hundert Besteckteilen umgeben da sitzt? Glaubt der Berliner Gourmet Qualität nur, wenn das Marketing rundherum stimmt? Möglichweise gibt es zu wenig Gäste, denen es lieber wäre ihre Mahlzeiten in nicht barocker Umgebung zu sich zu nehmen und gleichzeitig trotzdem bereit sind, mal 20 EUR für eine perfekte Vorspeise auszugeben. Schade, denn gute Gastronomie entsteht für uns viel mehr in der Küche im Restaurant und viel weniger in den Manufakturen von WMF und Zwiesel.
Nach unserer Erfahrung bietet noch das Horvath eine derartige Gastronomie und seit Neuestem, so hörten wir zumindest, auch das Restaurant Hartmanns. Wir sind sehr gespannt darauf, am Freitag bekamen wir leider dort auch keinen Platz.
- Runde 2 bei "PLUS"-
wird's noch schlimmer?
Kleine Kinder greifen ein Mal auf die Herdplatte und wissen: "aha, heiß, nicht nochmal". Und was mach ich? Ich renn`' schon wieder zum Discounter. Beziehungsweise rannte diesmal Kai Röger. Mein mittlerweile ständiger (für diese Rubrik), weil auch schmerzfreier Verkostungspartner. Und wir haben es wieder krachen lassen. Von Prosecco aus der Dose bis hin zum Gran Reserva war wieder alles dabei:
Los ging es natürlich mit dem Boticelli Prosecco aus dem 0,2 l Döschen. "Time to say good bye...", hieß der nicht auch so? Andrea Boticelli? War das ein Omen? Wird auch uns diese Hymne, wie einst Henry Maske, zum finalen und verlustreichen Kampf führen? Final und verlustreich deshalb, weil wir danach nur noch Dosenravioli, Dosensuppe, Thunfisch aus der Dose, Bier aus der Dose, Dosenmilch... zu uns nehmen werden? Pffft, das Elend nimmt seinen Lauf. Was für ein Blubberwasser. Dick steigen die Bläschen auf. Von feiner Perlage keine Rede. Woher auch. Bei einem Frizzante, bei dem die Kohlensäure künstlich zugefügt wird. Cola blubbert ja auch nicht dezent. Der Prosecco duftet kaum. Und auch wenn ich nicht viel Gutes über des Prosecco sagen kann, so ist er trotzdem eine positive Überraschung. Hängt immer von der Ausgangserwartung ab. Vorne ist die Säure etwas unangenehm, in der Mitte kommt eine recht klebrige Süße, aber insgesamt ist er doch zumindest annähernd fehlerfrei.
Und das Beste an dem Zeug ist, dass nicht die nervige Hilton dafür wirbt, indem sie dummdreist in die Kamera grinst. Das tut sie für die Konkurrenz.
Gefühler Preis: 1,99 pro 0,75 l Flasche
Preis: 0,79 EUR pro Dose (Flaschenpreis wäre also ca. 2,80 EUR pro 0,75 l)
Weiter im Programm mit einen Rheinhessen Riesling aus 2006. Hier findet sich, wie so oft bei dem Dicouter-Billigkram, kein Erzeuger. Lediglich ein Abfüller. Das Bukett überrascht, weil es eher an einen Würzer oder Gewürztraminer erinnert. Er duftet nach Rose und etwas Eisdrops. Das mischt sich mit etwas Litschiduft. Komisch... kennt man vom Riesling so eigentlich nicht. Auch sehr rieslinguntypisch ist die verhaltene Säure. Was mir recht gut gefällt, ist die Länge. Er bleibt lange im Mund. Der, na nennen wir ihn mal Riesling, hat noch relativ viel Restzucker. Man merkt aber, dass hier mit Blatt und Stiel vergoren wurde. Schade. Das gibt ihm ein paar bittere Noten, die keinem Wein gut stehen.
Diese Fehler die er hat, könnte man gut mit Käse kaschieren. Zu einem Brie de Meaux oder Camembert de Normandie könnte das ein guter, passender Begleiter sein. Vor allem, weil ich sowieso der Überzeugung bin, dass zu Käse eher preisgünstige Weine reichen.
Gefühlter Preis: 2,99 EUR
Preis: 1,99 EUR
Bei Entre deux Mers bekomm ich immer beim Lesen schon Sodbrennen. Der Erzeuger Jean Borel, der Jahrgang 2006. Das Bukett erinnert an einen Tankstellen-Blumenstrauß, der schon seit 3 Tagen draußen steht. Und dabei ist der Duft noch das Beste! Erst kommt sauer, sauer, sauer, dann bitter, dann grün, dann gruselig. Dann wieder sauer. So: mehr sog I net...
Gefühlter Preis: um Gottes Willen!
Preis: 2,99 EUR
Wieder zurück nach Deutschland. Becksteiner Winzer EG, Wüller Thurgau 2006. Die Trauben offensichtlich aus Baden, die Winzer in Franken, deshalb Bocksbeutel. Etwas verwirrend, wie ich finde. Aber egal, der Wein ist eh uninteressant. Er riecht nach feuchtem Staub, Drops, etwas Grapefruit. Über den Gaumen müssen wir nicht viele Worte verlieren: er ist alkoholisch, bitter und unangenehm ätherisch. Das Aroma erinnert an Fallobst. Der Wein hat keinen Körper und keine Extrakte.
Gefühlter Preis: wertlos
Preis: 1,99 EUR
Der Spätburgunder Halbtrocken aus der Pfalz 2006, auch hier wieder ein QbA ohne Erzeugerangabe ist wie alle Spätburgunder in dieser Preisklasse. Kitschige, marmeladige Fruchtaromen. Kennen Sie diese essbaren Erdbeerschnüre, mit dem sauren Zuckerzeug bestreut? Genau so schmeckt das. Und der Hammer kommt auf dem Rücketikett. Diese Speiseempfehlungen sind fast immer Ausdruck besonderer Dämlichkeit und Inkompetenz. Aber was hier steht: "dieser charaktervolle, kräftige Rotwein (ich lach mich tot) bestens geeignet zu kräftigen Fleischspeisen und würzigem Käse". Zur Strafe muss der Verfasser drei Flaschen dieses Weines trinken. Zu kräftigen Fleischspeisen und würzigem Käse...
Gefühlter Preis: wertlos
Preis 1,99 EUR
Der Primitivo Petraio 2005 ist ein Primitivo (entspricht zu 99% dem Zinfandel) wie er im Buche steht. Konzentriert, gute Fruchtsüße. Lediglich der Abgang ist etwas unsauber. Den sollten Sie probieren! 30 minütiges Karaffieren holt die Frucht noch etwas raus, verstärkt aber auch leicht die kleinen Schönheitsfehler, die er hat. Geschmackssache. Ich würd karaffieren.
Der gefühlte Preis entspricht dem tatsächlichen von 4,99 EUR.
Nach dieser durchweg positiven Überraschung holt uns der Bordeaux Baronne Philippe de Rothschild 2005 wieder zurück auf den Boden der Discounterrealität. Solche unter Adelstitel abgefüllten Schweinereien könnten oder sollten der Grund für eine zweite Französische Revolution sein. Wie kann man aus einem großartigen Jahrgang nur so einen Wein erzeugen? Die Tannine sind grün, der Wein ist derb und einfach wie eine Bahnhofsnutte (kenn ich nur vom Hörensagen). Und das alles wird abgefüllt unter einem der größten Namen der Weinvergangenheit und -gegenwart. Das ist so, als würde Caruso "in München steht ein Hofbräuhaus oas zwoa gsuffa" singen.
Gefühlter Preis: schmerzensgeldpflichtig
Preis: 4,29 EUR
Ein schöner Lilienduft strömt uns entgegen, als wir den Vina Agustiva 2000 Gran Reserva öffnen. Schöne, reife, gut ausbalancierte Tannine, der Wein ist fleischig und etwas pfeffrig. Lediglich der Alkohol ist nicht so gut eingebunden, wie wir und das wünschen würden. Neben den "schönen Tanninen" findet man aber auch noch recht grüne, die das Erlebnis etwas abschwächen. Insgesamt aber ein gut gemachter Wein.
Gefühlter Preis: 3-4 EUR
Preis: 2,99 EUR
Im Nordosten Spaniens, direkt unter den Pyrenäen befindet sich die Region Somontano. Von hier kommt der Bicentenario 2005 eine Cuvèe aus Tempranillo und Cabernet Sauvignon. Beim Schnuppern komm ich gleich ins Schwitzen. Zu sehr erinnert mich der Duft an einen kräftigen Latschenkieferaufguss in der Sauna. Der Wein ist insgesamt sehr säurebetont und flach im Abgang. Er entwickelt eine bittere Süße und je länger man den Wein trinkt, desto schlimmer wird er. Seine Schwächen werden immer offensichtlicher.
Gefühlter Preis: wertlos
Preis: 2,49 EUR
Zusammenfassend kann man sagen, dass diese Verkostung eine Berg- und Talfahrt war. Insgesamt waren wir jedoch nicht ganz so schockiert, wie vom Mitbewerber. Unter Blinden ist der einäugige (mit 8,2 Dioptrien) König? Keine Ahnung. Wir gehen auch zukünftig zu den "Sehenden".
- der große Aldi-Wein-Test -
kann der Discounter zaubern?
Also eines ist klar: teuer war er nicht, unser Abend (der nach 1,5 Stunden endete). Grad mal 24,81 EUR kosteten die 9 Flaschen Wein, die ich zuvor in der Filiale Heinrich-Heine-Platz besorgte. Erstaunlich ist das besonders deshalb, weil allein eine Flasche davon 9.59 EUR kostete. Dementsprechend gering waren die Erwartungen, die ich in die erworbenen Flaschen setzte. Zusammen mit dem Journalisten Kai Röger gingen wir also fröhlich und gespannt ans Werk:
Wir starteten mit einem Pinot Grigio DOC 2006. Nähere Erzeugerangaben konnten wir nicht finden. "Hat da wer was zu verstecken?" scherzten wir und legten los. Au weia. Künstliche, süße Fruchtaromen. Aprikose, Drops, etwas Holunderblüte. Die Säure ist kantig und unangenehm. Der Abgang gestaltet sich sehr bitter, wenn auch nur kurz. Der Schluck wäre sofort vergessen, wäre da nicht dieses grüne, unangenehme, bittere Gefühl, das im Mund zurückbleibt:
Gefühlter Preis: wertlos
Preis: 2,99 EUR
Vor dem nächsten "Wein" hatte ich ein wenig Schiss. Denn wenn auf einem Prosecco schon IGT und Frizzante steht, dann bekomm ich Muffensausen. Aber da muss man durch. Der Erzeuger ist Collinetta.
Der Perlwein riecht nach fast gar nichts. Wenn, dann etwas überreife, faule Mango. Und man nimmt einen leichten Schwefelton wahr. Ein kleiner Fehler. Wie erwartet ist die Perlage grob. Der Prosecco ist insgesamt geschacksneutral. Er erinnert an einen unreifen Apfel. Der Abgang ist unspektakulär und bitter.
Gefühlter Preis: fehlerhaft, wertlos
Preis: 1,49 EUR
Weiter im Programm, es kann ja nur besser werden. Weit gefehlt. Wir wagen uns an einen Zinfandel Rosé von Longwood. Er riecht nach Erdbeere, Stachelbeere und er hat einen Hefefehlton. Das Zeug ist süß und klebrig. Er erinnert an Marmelade und Barsirup. Das könnte alles sein -nur kein Wein. Etwas für Bananenweizentriker! Im Glas bleibt ein Geruch nach Pfefferminztee. Definitiv Thermoviniviziert.
Gefühlter Preis: schmerzensgeldpflichtig
Preis: 1,99 EUR
Etwas frustriert geht es zum Merlot 2005 von Chiaretto. Er duftet so, wie ein Wein nicht duften darf. Er hat Fehler. Roter Ziegel, Staub, gekochter Blumenkohl. Er hat aufdringliche Fruchtnoten, die ihn aber auf den ersten Schluck ganz angenehm erscheinen lassen. Ein typischer Blender. Ein Taschendieb, der sich freundlich den Weg erklären lässt und erst wenn er weg ist, dann merkt man, dass die Brieftasche geklaut ist. Ich mag nicht mehr über seinen alkoholischen Abgang und die grünen, unreifen Tannine schreiben. Es ist einfach nur ärgerlich.
Gefühlter Preis: wertlos
Preis: 1,49 EUR
Da waren's nur noch fünf. Auch der Dornfelder 2005 enthält keine Erzeugerangaben. Nur der Abfüller steht drauf. Der fährt wohl mit einem Tanklaster über die Dörfer und holt alles ab, was die Winzer nicht unter ihrem Namen verkaufen wollen. Blöder Winzerstolz.
Er dufete wie ein ganzer Süßigkeitenladen. Im Mund ist nichts. Keine Substanz, kein Mundgefühl. Er schmeckt nur nach etwas Schwefel. Heißt der Abfüller Luzifer?
Gefühlter Preis: bisher der wertloseste
Preis: 1,59 EUR
Aber jetzt. Der Gevrey-Chambertin 2004. Fanfaren... Wie hörte ich den Satz: "na wenn der bei Aldi schon so teuer ist, dann muss das ja ein absoluter Spitzenwein sein". Liebe Leser und Weinfreunde. Das ist gemein. Menschen, die vielleicht nicht viel haben, wollen sich mal einen richtig tollen Wein gönnen und kaufen den Gevrey-Chambertin. Fast 10 EUR blättern sie dafür hin und werden nur verarscht. Dieser Wein ist Mist. Er riecht nach Salamibrot mit Essigkurken und danach nach Camembert. Er hat praktisch keine Frucht, wenn dann riecht und schmeckt er nach Gemüse. Etwas merkt man noch das Fass. Das war's.
Der Preis beträgt 9,59 EUR und wenn man bedenkt, was man beim Fachhändler da schon bekommt.... Eine bodenlose Gemeinheit!
Weiter zum Los Royales einem Tepranillo Reserva 2001. So ein schicker. Mit Goldnetzchen drumherum. Diesem Wein kann man nicht viel vorwerfen. Gut, die Tannine sind sehr grün, der Wein scheint sehr unreif und jung, der Kork wirkt als wäre er eben erst auf die Flasche gekommen. Moment... da war doch was... Reserva. Mindestens 24 Monate Flaschenreife. Ob dieser Kork wirlich so lange Kontakt zu Wein hatte? Diese Unreife bei einem 6,5 Jahre alten Wein? Sicherheitshalber sind die staatlichen Weinkontrolleure informiert. Wir wollen doch nicht, dass irgendein Lieferant Aldi betrügt, oder?
Andererseits schon schwer für 2,29 EUR einen astreinen Reserva ins Regal zu stellen. Vielleicht braucht man da die Trickkiste?
Der Shiraz 2005 von Acacia Hill ist ebenso mangelhaft. Auch wenn man hier sagen kann, dass der Wein seine 1,79 EUR wert ist. Aber keinen Cent mehr. Auch er ist dropsig, hat gekochte Fruchtaromen (Thermovinifiziert?). Er hat etwas Minze, wird aber auch bitter und sauer im Abgang.
Rembert Freiherr von Schorlemer stell Aldi eine Auslese für hammerharte 1,59 EUR ins Regal. Keine Ahnung wie er das macht. Ist aber auch egal. Der Wein riecht nach überreifer Birne und Akazienblüte. Er schmeckt etwas nach Quittengelee. Gut - er ist flach und hat keine Rafinesse. Aber als preiswerter Käsebegleiter hat dieser Wein durchaus seine Berechtigung. Für das Geld ein Schnäppchen. Aber bitte keinen guten Wein erwarten!
Als Fazit kann man sagen, dass Aldi eben nicht zaubern kann. Der Diskounter verkauft billigen Wein billig. Außer in einem Fall. Der Gevrey-Chambertin war eine Frechheit! Keineswegs hatten wir "tollen Wein" zu einem "unschlagbaren Preis" im Glas. Und nie zuvor war ich mir mit Kai Röger so einig!
-grün und bitter-
zu Gast bei rumänischen Winzern
Also eines muss ich vorausschicken: Nämlich, dass ich ganz offen und erwartungsschwanger in diese Verkostung ging. Erst selten hatte ich was mit Weinen aus diesem Land zu tun. Ebenso selten wie mit Graf Dracula und was man sonst noch so kennt aus dem Land, das ja auch mal zu Österreich-Ungarn gehörte. Also, betrat ich neue Ufer!
Es ging los bei S.C. VINIA S. A. IASI. Was auch immer diese geheimnisvollen Kürzel bedeuten, ich ließ mir einen Sauvignon blanc einschenken. Aus dem Barriquefass. Na ja. Wer braucht das? SB aus dem Holzfass. Ich rieche und notiere: leichte Pattexnase, relativ flach, etwas dropsig. Hinten raus sehr bitter und grün. Is nix. Kostet 1,70 EUR ab Hof. "Kann nur noch besser werden", dachte ich, ab zum Merlot. Ich notiere: sehr gekochte Frucht, Staub, dropsige Nase, mangelhaft. Abgang sehr bitter. Einer der schlechtesten Weine, die ich je getrunken habe. Kostet 1,80 EUR. Das sind genau um 101,80 EUR zu viel. 100 muss es Schmerzensgeld geben. Weiter Cabernet Sauvignon, dasselbe Bild, Grasa (regionale Rebsorte) ebenso... Oh mein Gott, wo bin ich hier? Der restsüße Sauvignon Blanc Cotnari überrascht dann doch. Angenehm. Guter Essensbegleiter. Vielleicht ein Tick zu wenig Säure, aber ansonsten gut.
Ab zum nächsten Gut. S.E.R.V.E Ceptura. Es geht schon wieder los. Bitter, grün, extrem sauer zum Beispiel der Terra Romana Rosé. Wie eine unreife Grapefruit. Hier entdecke ich so gar nichts Trinkbares. Nicht einmal der Terra Romana Cuvée Charlotte für 5,00 EUR ab Hof bietet auch nur ansatzweise was für's Geld (hier im Laden würde der Wein wohl ca. 13 EUR kosten).
Langsam schwindet mir die Motivation. Bei Provinum SRL finde ich sogar die Formulierung "ich werd zum Biertrinker" in meinen Notizen. So was schlimmes schrieb ich noch nie... (beim Pinot Noir Reserva).
Es gibt aber auch Weine, die nicht von Anfang an enttäuschen. Zum Beispiel der La Putere Chardonnay. Der enttäuscht erst später. Der Duft ist noch vielversprechend, danach aber wird er flach und unharmonisch.
Und eben hier finde ich den "Schwaben Muscat Ottonel". Ich bin begeistert. Schöne, reife Muscatnase, Honigaromen, die Beeren vielleicht etwas überreif. Sehr cremig. Ein guter Süßwein! Wie sagt der Volksmund: "unter Blinden ist der Einäugige König". Ich denke an's Kaffeetrinken. Wenn er mir zu bitter ist, dann mach ich Zucker rein. Ob die Rumänischen Weine auch so funktionieren?
Ich mach noch die Verkostung der "Spitzenprodukte Rumäniens" mit. Und hier wird klar. Wenn das die Spitzenweine sind, dann hab ich hier keine Baustelle mehr. Feierabend!
Rumänien ist noch nicht so weit! Es bedarf wohl noch vieler EU Gelder und vieler Ausländischer Erzeuger mit ausländischem Knowhow, um diese Weine trinkbar zu machen. Ich mach mal 5 Jahre Pause und dann schauen wir noch mal...
-das Blut der Erde-
Mount Athos Vineyards 2002
Und schon hör ich ihn singen. Den Udo Jürgens und schon jetzt weiß ich, ich werde ihn für den Rest des Tages nicht mehr los. "Griechischer Wein und so weiter und so fort". Na der Tag ist durch...
Blut der Erde. Ja das passt. Ein schönes, dunkles Rubinrot. Und ganz viel Kraft strömt da aus dem Glas. Süßkirsche, Pflaume. Sehr schön. Das wird mein Wein für den 24. Dezember. Dazu nehme ich eine Entenbrust. Unter die Haut wir eine kleine Tasche geschnitten. Diese fülle ich mit frischem Rosmarin. Denn was kräutriges hat er der Mount Athos. Die Fleischseite wird gespickt mit 3 Nelken. Nicht mehr und nicht weniger. Die nehm ich aber nach dem Braten raus. Zimt und Nelken kommen mir aus dem Glas entgegen. Und Zimt kommt auch in die Pfanne (übrigens ohne Fett, das kommt von selbst). Eine Stange. Dann ist sie genau so parfümiert wie der Wein. "Morgen Kinder wird's was geben...". Leider noch nicht morgen. Aber schon freu ich mich wieder auf Weihnachten. So wie früher...
Entdeckt hab ich den Wein in Eichwalde. Bei "Antik und Wein". Gesehen auch noch in einer kleinen, charmanten Vinothek am Südstern (Cavatappi).
Gefühlter Preis: um die 14,00 EUR
Tatsächlicher Preis bei Antik und Wein: 9,80 EUR und bei Cavatappi 11,90 EUR.
Probiert am 16. November 2006.